Hafenstau und Umwege: Wie fehlender Schiffsraum die Raten bewegt
Ein Schiff, das vor dem Hafen auf Reede liegt, verdient in diesem Moment kein Geld und fehlt trotzdem im Markt. Genau das macht den Hafenstau in der Schifffahrt so wirkungsvoll: Er verknappt Kapazität, ohne dass auch nur ein Schiff weniger existiert.
Nach und während der Coronazeit war das gut zu beobachten. Schiffe warteten vor den Häfen, bis sie abgefertigt wurden, und die Raten zogen an. Ähnliche Effekte entstehen, wenn Routen wegen Konflikten umfahren werden müssen oder ganze Warenströme sich neue Wege suchen.
- Ein Hafenstau bindet Schiffe vor dem Hafen und verknappt so die verfügbare Tonnage.
- Umrouting bei Konflikten verlängert die Wege und bindet ebenfalls Schiffsraum.
- Werden ganze Warenströme verlegt, können sich die Tonnenmeilen vervielfachen.
- Wo vieles unkalkulierbar wird, zählt jederzeit verfügbare Liquidität.
Wie ein Hafenstau die Schifffahrt verknappt
Beim Hafenstau spielt die Route selbst keine Rolle. Die Schiffe fahren ihren gewohnten Weg, liegen dann aber erst einmal auf und warten, bis sie bedient werden. Das verlängert die Zeit, die jedes Schiff für einen Umlauf braucht. Die Flotte ist dieselbe, doch sie schafft weniger Ladung pro Monat. Je länger die Wartezeiten, desto stärker wirkt dieser Effekt auf den gesamten Markt.
Wartezeit vor dem Hafen wirkt auf den Markt wie fehlender Schiffsraum und treibt in der Regel die Raten nach oben. Für Reeder ist das zunächst ein willkommener Effekt. Für Verlader, Charterer und am Ende die Verbraucher bedeutet es höhere Transportkosten und längere Lieferzeiten.
Wenn Konflikte ganze Warenströme umlenken
Anders ist es, wenn Seegebiete umfahren werden. Das Rote Meer hat gezeigt, wie vorsichtig Reeder bleiben, auch wenn die unmittelbare Gefahr nachlässt. Das Schwarze Meer ist ein weiteres Beispiel: Wer dort nichts zu tun hat, fährt nicht hin. Und dann wird Ware global umgeroutet.
Getreide, das früher aus der Ukraine etwa nach Ägypten verschifft wurde, steht auf diesem Weg nicht mehr in gewohnter Form zur Verfügung. Ersatz kommt zum Beispiel aus Brasilien, über einen deutlich längeren Seeweg nach Nordafrika. Wenn sich die Entfernung so stark verändert, können sich die Tonnenmeilen nach unserer Erfahrung verdoppeln oder sogar verdreifachen. Für die Raten hat das spürbar positive Auswirkungen, sie steigen entsprechend.
Ein Schiff im Stau und ein Schiff auf Umweg haben eines gemeinsam: Beide fehlen im Markt.
Was sich selbst kontrollieren lässt
Unkalkulierbar wird es, wenn ganze Seegebiete überhaupt nicht mehr erreichbar sind, wie es die Lage im Persischen Golf zeigt. Auch eine sich andeutende Entspannung an anderer Stelle, etwa für die Passage durch das Rote Meer und den Suezkanal, kann schnell wieder fraglich werden. Steigende Ölpreise setzen die Schifffahrt zusätzlich unter Druck.
Für das Management rücken damit die Dinge in den Mittelpunkt, die es selbst kontrollieren kann. Handlungsfreiheit durch jederzeit verfügbare Liquidität wird gerade im Krisenmodus und im Schadenfall zum entscheidenden Faktor. Die Ausschnittsdeckung übernimmt den Selbstbehalt der Kaskoversicherung und schützt so genau die Mittel, die in unruhigen Zeiten nicht fehlen dürfen.
Fazit
Ob Hafenstau, Umweg oder umgelenkte Warenströme: Die Schifffahrt reagiert über die Raten, und Angebot und Nachfrage gleichen sich aus. Was sich nicht vorhersagen lässt, ist die nächste Störung. Merksatz: Die Raten regelt der Markt, die eigene Liquidität regelt das Management.


